Me(er)tamorphosen: Deutsch-Chinesische Online-Dialog-Reihe zum Thema „Wissenschaft trifft Kunst im Zeitalter des Anthropozän“

Das Anthropozän ist das erste Erdzeitalter, in dem der Mensch in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse eingreift und die stabilen Klimaverhält-nisse beendet. Die Folgen sind allgegenwärtig und reichen von der Erderwärmung und Versauerung der Ozeane über das Abschmelzen der Polkappen und dem Anstieg des Meeresspiegels bis hin zu Naturkatastrophen, Artensterben, Pandemien sowie Flucht und Migration. Um auf diese vielfältige Problematik aufmerksam zu machen und WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aus Deutschland und China interdisziplinär miteinander in Gespräch zu bringen, initiierte das CDHK in Kooperation mit dem „Theater des Anthropozän“ der Humboldt-Universität, der CDH und dem CDC von Oktober bis Dezember die mehrteilige Online-Dialogreihe „Me(er)tamorphosen: Wissenschaft trifft Kunst im Zeitalter des Anthropozän“. Das Element des Wassers stand dabei im Zentrum der Betrachtung, da es als unverzichtbarer und wandelbare Rohstoff des Lebens auch seit jeher die Kunst und das Denken inspiriert.

0-4 smallDer erste Online-Dialog fand am 10. Oktober unter dem Titel „Von Mensch und Meer“ statt. Nach Grußworten von Tongji-Vizepräsident und CDH-Direktor Prof. Wu Zhiqiang, DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland und der Präsidentin der Humboldt-Universität, Prof. Sabine Kunst, erläuterte CDHK-Vizedirektor Thomas Willems das von ihm entwickelte Konzept und führte gemeinsam mit Dr. Frank Raddatz, dem künstlerischen Leiter des „Theater des Anthropozän“, durch das Programm.  Die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts und Leibnitz-Preisträgerin Frau Prof. Antje Boetius veranschaulichte in ihrem Vortrag „Die Rolle des Ozeans für das Leben“ die dramatischen Auswirkungen, die der Klimawandel auf das Artensterben im Ozean und in der Folge für den Menschen hat. Künstlerisch begleitet wurde der im Naturkundemuseum Berlin aufgezeichnete Vortrag von der Harfinistin Armandine Carbucci, die Stücke von Albert Zabel (Am Springbrunnen, Marguerite douloureuse au rouet), Kurt Weil (Moritat von Mackie Messer) und Claude Debussy (Arabesque 1) spielte sowie von der Schauspielerin und Grimme-Preisträgerin Bibiana Beglau, die Gedichte von Hölderlin (Hyperion, Natur), Hebbel (Meeresleuchten), Brecht (Das Schiff) und Baudelaire (Mensch und Meer) rezitierte. Nach der musikalischen Ballett-darbietung eines Studenten der Shanghaier Theaterakademie sprach Professor Lu Zhibo, der Vizedekan der Umweltwissenschaften an der Tongji Universität, in seinem Vortrag „Die Wirkung des Menschen auf den fragilen Ozean” über die weltweite Verschmutzung des Ozeans und zeigte Aufnahmen eines Tauchroboters, der in 8000 Meter Tiefe Meerestiere inmitten von Plastikmüll fotografiert hatte. Im Anschluss an die Vorträge diskutierten Frau Prof. Boetius und Herr Prof. Lu und beantworteten die zahlreichen Fragen des zugeschalteten Publikums.

Der zweite Online-Dialog führte am 14. November vom „Wasser des Wissens“ in die Welt der „literarischen Seefahrt“. Professor YU Mingfeng von der philosophischen Fakultät der Tongji Universität erläuterte in seinem Vortrag „das Wasser als Urbild des chinesischen Denkens“ die Bedeutung der Flüsse und des Fließens im Taoismus, wohingegen der deutsche Kultur- und Literaturwissenschaftler Professor Joseph Vogl von der Humboldt-Universität im Gespräch mit dem Theaterexperten Frank Raddatz „die Bedeutung der Seefahrt für die europäische Kultur” an zahlreichen literarischen Beispielen veranschaulichte, die von Homers „Odyssee“ über Melvilles „Moby Dick“ und Dafoes „Robinson Crusoe“ bis hin zu Kafkas „Poseidon“ reichten. Während sich der östliche Taoist auf den Weg nach Innen macht, den Lauf der Welt beobachtet, sich den Dingen anpasst und Harmonie anstrebt, suchen die westlichen Seefahrer (in der Literatur) die äußere Welt zu er-fahren und ihre inneren Grenzen zu verschieben. Die inspirierenden Vorträge wurde von einer multimedialen Performance begleitet, in deren Verlauf der israelische Choreograf und Tänzer Ziv Frenkel zu Motiven der taoistischen Geschichte “Der Frosch im alten Brunnenloch“ von Zhuangzi tanzte. Während Frenkel auf einer chinesischen Griffbrettzither (Guqin) und vom Gesang der in Berlin lebenden Studentin Wang Xinyuan begleitet wurde, liefen im Hintergrund Filmsequenzen von teils surrealen Tiefseebewohnern, die der Unterwasserfotograf Cai Songda am Institut für Umweltwissenschaften der Tongji-Universität aufgenommen hatte. Den deutschen Text der taoistischen Geschichte sprach die langjährige Schauspielerin des Berliner Ensembles Claudia Burckhardt.

老子观井Die dritte Dialogveranstaltung beschäftigte sich am 12. Dezember mit dem Element des Wassers aus einer sozio-ökologischen Perspektive. Professor LI Fengting vom UNEP-Tongji-Institut für Umwelt und nachhaltige Entwicklung stellte in seiner Präsentation das „Potential einer Dreiecks-Kooperation zwischen Deutschland, China und Afrika auf dem Gebiet des Wasser Ressourcen Managements“ vor. Aufgrund des starken Wirtschaftswachstums und der zunehmenden Urbanisierung seien Chinas Herausforderungen – ähnlich denen Afrikas – von Wasserverschmutzung und knappen Trinkwasserressourcen geprägt. Deshalb habe die ökologische Prägung Chinas seit 2010 Priorität und sei ebenso wichtig wie die ökonomische Entwicklung. Deutschlands Erfahrungen mit der grünen Ökonomie seien hilfreich für Chinas Umwelt-Strategie und könnten auch auf Afrika übertragen werden. Der Umweltwissenschaftler und Anthropologe Professor Jörg Niewöhner, Direktor des Integrativen Forschungsinstituts für Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen an der Humboldt Universität zu Berlin, stellte das Prinzip der „Hydro-Sozialen Territorien“ vor und ging der Frage nach, welche Bedeutung das Wasser für die verschiedenen sozialen Akteure habe. Er erläuterte dies anhand mehrerer Ontologien von Wasser, die nicht die technologisch-kapitalistische Seite betrachteten, sondern lokale oder spirituelle Perspektiven einbeziehen. So sei das Wasser für die Ureinwohner Kanadas als „Lebensnerv“ heilig, was es aus westlicher Sicht zu verstehen und bei gemeinsamen Projekten zu berücksichtigen gelte. Im Anschluss an die Diskussionsrunde zeigte der renommierte chinesische Avantgarde-Regisseur SU Xiaogang seinen experimentellen Theater-Film „Medea“, der in einer vulkanähnlichen Landschaft in der Inneren Mongolei spielt und exklusiv für diese Dialogveranstaltung produziert wurde.

Durch den multimedialen und interdisziplinären Dialog, der sich den Herausforderungen des Anthropozäns auf wissenschaftlichen und künstlerischen Wegen anzunähern versuchte und die Themen jeweils aus einer deutsche und einer chinesischen Perspektive beleuchtete, konnte eine innovative Form der Wissenschaftskommunikation etabliert werden, an der sich zahlreiche Zuschauer im virtuellen Raum beteiligten. Fortsetzung folgt…