Noel Hertlein

Erfahrungsbericht zum Studium an der Tongji UniversitätShanghai

Ich absolviere derzeit den Doppelmaster in Kooperation zwischen derTechnischen Universität Berlin und der Tongji Universität in Shanghai. An der TU Berlinstudiere ich Wirtschaftsingenieurwesen, während ich an der Tongji Universität imStudiengang Corporate Management eingeschrieben bin. Mein Studium in China findet ander School of Economics and Management statt und ich habe inzwischen nahezumein erstes Semesterabgeschlossen.

Der fachliche Fokus meines Aufenthalts liegt klar auf Managementund wirtschaftsnahen Inhalten, die eine sehr sinnvolle Ergänzung zu meinemtechnisch geprägten Studium in Berlin darstellen. Besonders spannend empfinde ichdie internationale Ausrichtung der Kurse sowie die starke Praxisorientierungvieler Module. Der Unterricht unterscheidet sich deutlich vom deutschenHochschulsystem.In fast allen Kursen besteht Anwesenheitspflicht und der Leistungsnachweissetztsich aus zahlreichen Abgaben, Präsentationen und Gruppenarbeitenzusammen.

Dadurch ist der Arbeitsaufwand über das gesamte Semester verteilt, was dazuführt,dass die klassische stressige Klausurenphase am Ende des Semestersdeutlich entschärftist.

Ein besonders interessanter Unterschied ist der sehr offene und aktive UmgangmitKünstlicher Intelligenz im Studium. Die Nutzung von KI Tools wird nicht nurerlaubt,sondern teilweise ausdrücklich erwartet. Dadurch verändert sich auch die Artund Weise,wieAssignmentsbearbeitetwerden.DerFokusliegtwenigeraufreinerWissensreproduktion, sondern stärker auf Analyse, Strukturierung undkritischer Einordnung von Ergebnissen. Diese Herangehensweise empfinde ich alssehr zeitgemäß undlehrreich.

Auch außerhalb des Hörsaals ist der Aufenthalt in Shanghai eineaußergewöhnliche Erfahrung. Shanghai ist eine extrem beeindruckende Stadt, die sich invielen Aspekten stark von deutschen Städten unterscheidet. Das Stadtbild istdeutlich digitaler, der Alltag wirkt sehr effizient und gleichzeitig erstaunlich ruhig, wasunter anderem an der großen Anzahl von Elektroautos und Elektrorollern liegt. Einweiterer großer Unterschied ist das soziale Leben. Man verbringt sehr viel Zeit außerhalbder eigenen Wohnung, da es unzählige Restaurants gibt und Essen im Vergleichzu Deutschland sehr preiswert ist. Selbstverständliches Kochen zu Hause spielteine deutlich geringereRolle.

Ich lebe auf dem Campus der Tongji Universität, was das Erleben deschinesischen Campuslebens besonders intensiv macht. Im Vergleich zur TU Berlin ist derCampus in Shanghai ein geschlossener Raum, zu dem nur Studierende undregistrierte Besucher Zugang haben. Das gesamte tägliche Leben findet innerhalbdieses Campus statt. Wohnen, Lernen, Essen, Sport und Freizeitaktivitäten sindräumlich eng miteinanderverbunden.

Das Wohnen auf dem Campus für Internationals erfolgt in Wohnheimen, zu zweitpro Zimmer. Das bedeutet weniger Privatsphäre, ist jedoch eine sehrkostengünstige Wohnoption in einer ansonsten teuren Stadt wie Shanghai. Gleichzeitig fördertdiese Wohnform den sozialen Austausch enorm, was gerade am Anfang perfekt ist, umneue Leute kennenzulernen. Auf dem Tongji Campus gibt es zahlreiche Mensenund Essensangebote, die ganztägig geöffnet sind und als zentrale sozialeTreffpunkte dienen. Studierende kochen nur seltenselbst.

Ein wichtiger Punkt, den ich zukünftigen Studierenden besonders ans Herzlegen möchte,istdasReiseninnerhalbChinas.Chinaisteinriesigesundextremvielfältiges Land und man hat es nicht wirklich kennengelernt, wennman ausschließlich in Shanghai bleibt. Die Universität und insbesondere dasCDHKorganisieren mehrmals pro Semester gemeinsame Reisen, die teilweisefastkostenlos sind. Diese Angebote sind eine hervorragende Möglichkeit, dasLand kennenzulernen und gleichzeitig andere Studierende besser zuvernetzen.

Die Betreuung an der Tongji Universität ist insgesamt sehr gut.Besonders hervorheben möchte ich die Unterstützung durch das CDHK. Beiorganisatorischen,akademischen oder alltäglichen Fragen erhält man schnell und zuverlässigHilfe.

Frau Liu Xin ist dabei eine besonders große Unterstützung und stetsansprechbar.

Auch wenn mein Aufenthalt noch lange nicht abgeschlossen ist, habe ich bereitsjetztdas Gefühl, mich sowohl fachlich als auch persönlich enorm weiterentwickeltzu haben. Man wird im Studium und im Alltag regelmäßig vorHerausforderungen gestellt, sei es organisatorisch, kulturell oder sprachlich. Bislang waren jedochalle diese Herausforderungen lösbar. Die Offenheit, Hilfsbereitschaft und Neugierder chinesischen Studierenden und der Menschen im Alltag haben mir den Einstiegsehr erleichtert.

Ein weiterer klarer Tipp ist das Lernen der chinesischen Sprache.Bereits grundlegende Sprachkenntnisse bereichern den Aufenthalt enorm undermöglichen ganz andere Begegnungen im Alltag. Auch wenn viele Abläufe digital undintuitiv sind, öffnet die Sprache viele zusätzlicheTüren.

Abschließend einige praktische Empfehlungen für die Vorbereitung. Es istsehr wichtig, WeChat und Alipay bereits vor der Abreise einzurichten, da diese Appsim Alltag unverzichtbar sind. Ein funktionierender VPN Zugang ist ebenfallsessenziell.Zudem lohnt es sich, nicht zu viel einzupacken, da man vor Ort sehr vielesgünstig kaufen kann. Generell sollte man sich nicht zu viel Stress machen. China istein äußerst spannendes, modernes und gut organisiertes Land und insbesonderein Shanghai findet man sich dank der starken Digitalisierung sehr schnellzurecht.


Noel Hertlein  
Technischen Universität Berlin