Leon Sandforth

Erfahrungsbericht - Auslandssemester Tongji University

Kontext

Hallo da draußen!

Ich bin Leon und war im Wintersemester 2024/25 im Rahmen eines Auslandssemesters an der Tongji-Uni, genauer auf dem Campus im Stadtteil Jiading. Untergebracht war ich im Guoyu Hotel zur Dauermiete, gemeinsam mit einigen anderen deutschen Studenten. Entgegen einem üblichen Auslandssemester habe ich keine Vorle- sungen besucht, sondern meine Forschungsarbeit (Pflichtmodul in meinem Studiengang, 15 ECTS, 3-6Monate Zeit) dort geschrieben. Um das einzufädeln, habe ich im Februar 2024 (d.h. 9 Monate vor Beginn) viele Professoren und Doktoranden der Tongji via Mail kontaktiert und nach einem Thema & Betreuung gebeten. DieE-Mail-Adressen habe ich jeweils von den Homepages der Institute der Tongji bekommen (v.A. Institutefor Automotive Studies & Institute for Mechanical Engineering). Nach vielen Absagen (oder gar keinen Antworten) habe ich dann doch ein Angebot bekommen, das ich dann an meiner Uni-Stuttgart einem fachlich passenden Betreuer/Professor vorgestellt habe. Nach viel organisatorischem Hick-Hack stand Thema &Be- treuung! Infolgedessen war ich alle 2 Wochen in Absprache mit meinem Betreuer aus Stuttgart, sowie instän-digem Austausch mit dem Doktoranden vor Ort. Thema war „Empirical Modeling of the Electrical Contact Resistance of High-Current Busbar Connections of EV Batteries”, d.h. viele Tests im Labor und viel Zeit in  der Bibliothek zur Auswertung & Modellierung. Dieser Bericht hat nicht die Absicht, ein vollständiger Ratgeber für ein Semester an der Tongji zu sein, sondern viel eher authentische Einblicke zugeben.

Events & Highlights

  • Marathon in Shanghai (01.12.2024)

  • Heimat & Familie von Partnerstudent besucht (Fengjie, unweit von Chongqing)

  • Wandern auf Mount Emei (3000m, bei Chengdu) mit Freunden von der Jiao Tong Uni

  • Surfen auf Hainan um die Weihnachtszeit mit Freunden von der Jiao Tong Uni

  • Harbin mit eigener Familie (Ice Festival Harbin)

  • Sonstige besuchte Städte: Shenzhen, Hong Kong, Beijing, Suzhou, Chongqing

Sprachbarriere & Vorbereitung

Ich hatte im Voraus einen Einsteigerkurs zur chinesischen Kultur & Sprache an der Uni-Stuttgart belegt– ehrlicherweise nicht verkehrt, aber auch nicht notwendig. Die Sprachbarriere ist generell weitaus höher als ich  erwartet hatte, sogar an der Uni sprechen die Studenten häufig schlechtes Englisch–imöffentlichen Raum meist gar nicht. Das ist aber nur ein begrenzt praktisches Problem, da aufgrund von vorbildlich ausgebautem  Mobilfunknetz fast immer die Möglichkeit besteht, mit eine Übersetzerapp auf dem Handy zu agieren. Ich würde Folgendes raten:


Ungefilterte persönliche Eindrücke

Im Folgenden findet sich meine persönliche Liste von Notizen aus meinem Handy, die ich während meiner Zeit in China gesammelt habe (Reihenfolge chronologisch, d.h. die ersten Notizen sind mir früher aufgefallen). Diese Punkte spiegeln subjektive Momentaufnahmen wider und sind nicht als allgemeingültige Bewertung zu verstehen:

Hohe Sicherheit in der Öffentlichkeit // Simplizität ÖPNV // Geringe Kosten ÖPNV // Freundlichkeit der Menschen // Pragmatismus (auch durch nicht vorhandenen Datenschutz, z.B. durch Integration Alipay/WeChat) // Hohe Nulllinie der Arbeitsstunden pro Woche (Bibliothek schließt sonntags 22:30, bis dahin gefüllt!) // Öffent- licher Diskurs: Keine freie Meinungsbildung durch Zensur von politischem Content bedeutet gleichzeitig eine weniger polarisierte Gesellschaft? // Saubere öffentliche Toiletten an jeder U-Bahn // Wasserspender in Bahn- höfen und Flughäfen // Lange Öffnungszeiten von Supermärkten // Geringe Kosten von Restaurants // Gesund aussehende Menschen (wenig Übergewicht, saubere Haut & gerade Rücken) // Wenig Zucker // Pareto-Prin- zip-Arbeitsweise ziemlich populär (konträr zu deutscher Ingenieursmentalität) // Keine Kleinkriminalität // Gegenteil von Multi Kulti, hier haben alle eine große kulturelle Überschneidung // Kaum Touristen und Mig- ration aus anderen Ländern // Überwachung: Konzept „Invisible Box“: Überwachung normalerweise wenig dramatisch, solange gesetzestreu

Was geblieben ist

Ich habe mich mit meinem Partnerstudent (war freiwillig, genannt „Buddy Programme“, unbedingt anmelden!) in dem halben Jahr sehr gut angefreundet, sogar seine Familie im Landesinnern besucht und bis heute regel- mäßig Kontakt (wir haben erst diese Woche telefoniert). So eine Art von Freundschaft ist ohne ein derartiges Austauschprogramm annähernd unmöglich zu erreichen und kulturell persönlich äußerst wertvoll. Nach dem Semester vor Ort hat mich das Land ausreichend gepackt, um hier in Deutschland wieder ein Sprachkurs am Konfuzius-Institut zu besuchen. Darüber hinaus habe ich die Absicht, nach Abschluss meiner Masterarbeit wieder nach China zu kommen, um dort als Berufseinsteiger bei einem speziellen deutschen Autobauer zu starten. Ob das funktioniert, wird sich zeigen müssen - aber die ersten Vorstöße sind in Gange. Ich denke, dieses Fazit ist genug Bestätigung dafür, dass China es wert ist, um dort einen Auslandsaufenthalt in Angriff zu nehmen. Nehmt den Mut in die Hand und erkundet die Welt!

Leon Sandforth

M. Sc. Elektromobilität @ Uni Stuttgart

12/2025